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bernhard lang "i hate mozart" col legno 2008
turntbale soloists: dieb13, wolfgang fuchs.


klassik.com review:

Was machen eigentlich Neue Musik-Komponisten im Mozart-Jahr? Eine Möglichkeit wäre auszuwandern, sich jedenfalls nicht in Salzburg oder Wien aufzuhalten, oder jedoch im Schatten vom Mozart fleißig mitmachen. Man könnte aber auch eine ‘Anti-Mozart-Oper’ komponieren und genau an ein solches Projekt hat sich Bernhard Lang im Mozartjahr 2006 gewagt. Mit I hate Mozart gelang ihm eine gewitzte, aber ebenso scharfsinnige Gesellschaftssatire, die in einem melancholischen Unterton auch über unser heutiges (Konzert-)Leben nachdenken lässt.
 
Kongenial spiegeln dabei das innovative Libretto und die hoch gelobte Inszenierung von Michael Sturminger die beißend ironische Musik von Bernhard Lang wieder. Bereits zu Beginn, als wohlgemerkt ein Tenor ‘Ich hasse Mozart’ intoniert, beginnt das neue Leitmotiv der Oper, welches sich in der Folge auf nahezu alle Charaktere überträgt. Dies handelt von der Frustration gegenüber der Musik Mozarts auf allen denkbaren Ebenen. Immer wieder schlägt die fragmentarische Handlung in neue, oft gesellschaftlich und individuell bedingte, Facetten um und beleuchtet in raffinierten Physiognomien die Beziehungen der Protagonisten zum ‘Übermusiker’. Mozart ist ‘deus in terris’ und die ganze Welt dreht sich – wie deutlich in Erinnerung vom Mozartjahr – um ihn. Dabei geraten alltägliche und persönliche Probleme in den Hintergrund, aber gerade durch diese Polarisierung, drängen diese auch wieder in den Vordergrund.
 
Bemerkenswert ist die Vielfalt der Alptraumszenarien, die Sturminger erfunden hat. Mit einer grenzenlosen Fantasie rührt er an zeitlos traumatische Erlebnisse im Umgang mit der Musik, welche hier stets eine der Vergangenheit ist. Das melancholische Grundgefühl ist bitterer als ehemals ein ‘momento mori’, da es sich schon nicht mal mehr in der Jetztzeit konstituiert. Der Bruch zur Gegenwart wird offensichtlich, ohne dass dabei eine wertende Note ins Werk getragen wurde.
Beispiellos ist sicher die szenische Idee, die Oper aus der Sicht der Theaterhinterbühne laufen zu lassen und so im Blick hinter die Kulissen auch einen Blick hinter den Zauber und die Magie zu gewähren, den die Oper bei Mozart stets vorgibt. Hinter der Märchenwelt lauert dort erbarmungslos das tägliche Leben.
 
Bernhard Langs Musik führt immer wieder in Endlosschleifen und ewigen Wiederholungen die eigene Musik und deren Pathos ad absurdum. Die repetitiven Strukturen und Textwiederholungen können aber auch hier und da stören und wirken nicht selten abgenutzt, da Lang den Effekt zu oft, ja fast penetrant nutzt, auch wenn er sicher eine ‘nervende’ Wirkung mitintendiert haben wollte.
Interessant sind besonders die Momente, in denen sich die Musik vom individuellen Gestus zum Beispiel einer Aria à la Mozart hin zu einem Mechanischen entwickelt, wie es im übrigen bereits die Einakter von Arnold Schönberg (Glückliche Hand, Erwartung) zur Karikatur der Gesellschaft nutzten. Die Musik Langs rastet dann ein, wiederholt immer wieder dieselbe Litanei oder erinnert an elektroakustische Loop-Effekte. Manchmal hört es sich gar an, als würde die CD im Player springen. Dahinter verbirgt sich aber eine geschickte Semantik, die genau hier auf den gesellschaftlichen Zwang anspielt, die Musik von Mozart, Beethoven & Co aufgrund ihrer Größe und historischen Gravität immer wieder zu spielen. Und dies gilt eben nicht nur für das Konzertrepertoire der Wiener Philharmoniker, sondern auch für das Provinzorchester im Sankt Nimmerleinsland.
 
Die verzweifelte Reaktion folgt prompt und entspricht durchaus der Realität an Konservatorien und in Orchestern. Lang und Sturminger drücken diese dann so simpel wie markant aus: ‘Warum soll ich immer Mozart singen, ich hasse Mozart.’ Doch der Teufelskreis ist nicht zu stoppen und der Musik Mozarts nicht zu entgehen. Dies weiß auch Lang und im Prinzip auch ein jeder seiner tragischen Protagonisten.
 
Stets blickt man mit einem weinenden und einem lachenden Auge auf diese Gestalten, die manchmal so wirken, als wären sie eben erst einem Woody Allen-Film entsprungen. Das Geschehen auf der Bühne ist jedenfalls ein großer inszenierter Reinfall. Das es sich dabei aber nicht nur um eine einfache Karikatur handelt, zeigen die Momente, in denen Lang der Musik eine Tiefendimension gibt, bei der einem das Lachen nur im Hals stecken bleiben kann. Man erkennt dann sofort den Wiener Humor eines Thomas Bernhard auch bei Bernhard Lang wieder. Hinter jeder Pointe lauert eben auch die bitterböse Wahrheit über die Realität der Lebensumstände, und die bleibt zurück, wenn das Lachen verstummt.
 
Das Wiener Label Col Legno hat seinem Steckenpferd Bernhard Lang und uns Hörern mal wieder mit einer wunderschönen Box ein großes Geschenk gemacht. Neben einer klanglich brillanten Aufnahme auf zwei CDs enthält sie auch den ORF- Mitschnitt der Oper als DVD, sowie ein 186 Seiten starkes Booklet mit sehr ansprechenden schwarz-weiß Photographien und dem gesamten Libretto. Dieses intensiv zu studieren lohnt durchaus, denn hinter der Fassade des ersten Hörens verbergen sich ein tiefsinniges Werk und ein bemerkenswerter Textentwurf. Wahrlich ein gelungener Beitrag zum Mozartjahr, und das sogar seitens der Neuen Musik.

Kritik von Toni Hildebrandt, 07.08.2008
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